Intraoralscanner in der Zahnmedizin: Anwendung & Vorteile

Sie sitzen auf dem Behandlungsstuhl, und die Zahnärztin kündigt an, dass von Ihren Zähnen ein Abdruck genommen werden muss. Bei vielen Menschen weckt dieser Satz unangenehme Erinnerungen: der volle Löffel, die zähe Masse, das Gefühl, kaum atmen zu können, und bei empfindlichen Personen der aufsteigende Würgereiz. Für nicht wenige ist genau dieser Moment der unangenehmste Teil eines Zahnarztbesuchs.

Genau hier setzt eine Technik an, die diesen Ablauf grundlegend verändert hat. Der Intraoralscanner erfasst Ihre Zähne und Ihr Zahnfleisch mit einem kleinen, stiftförmigen Gerät, ohne dass Abformmasse in den Mund gelangt. Statt eines physischen Abdrucks entsteht ein dreidimensionales Modell direkt auf dem Bildschirm. In diesem Ratgeber erklären wir, wie das funktioniert, welche Vorteile die digitale Abformung mit sich bringt und wo ihre Grenzen liegen.

Die kurze Antwort lautet: Ein Intraoralscanner erfasst Zähne und Zahnfleisch berührungsarm als präzises 3D-Modell und ersetzt so die Abdruckmasse. Laut der ersten deutschen S2k-Leitlinie ist der Intraoralscan heute in vielen Anwendungsgebieten eine vergleichbare, teils vorteilhafte Alternative zur konventionellen Abformung und findet in allen zahnmedizinischen Disziplinen Anwendung.

Inhaltsverzeichnis

Gegenüberstellung: links ein schlanker handgeführter Intraoralscanner-Stift, rechts ein klassischer Abdrucklöffel gefüllt mit Abformmasse.

Was ist ein Intraoralscanner?

Ein Intraoralscanner ist ein optisches Gerät, das die Oberfläche von Zähnen und Zahnfleisch berührungsarm erfasst. Ein kleiner Scanstift mit Kamera wird dabei an den Zähnen entlanggeführt und nimmt viele einzelne Aufnahmen auf. Eine Software setzt diese Bilder in Echtzeit zu einem dreidimensionalen Modell zusammen. Es entsteht also kein physischer Abdruck mehr, sondern ein digitaler Datensatz, der sich am Bildschirm von allen Seiten betrachten lässt.

Vom Gipsmodell zum digitalen Datensatz

Beim klassischen Verfahren entsteht aus der Abformmasse zunächst ein Gipsmodell, das im Labor weiterverarbeitet wird. Dieser Weg dauert und ist mit mehreren Zwischenschritten verbunden. Der digitale Datensatz liegt dagegen sofort vor und kann direkt an das Labor oder einen Fertigungsautomaten weitergegeben werden. Wie aus solchen Daten anschließend Zahnersatz entsteht, lesen Sie in unserem Beitrag zum 3D-Drucker beim Zahnarzt.

Wie der Scanstift im Mund arbeitet

Der Scanstift sendet Licht aus und misst, wie es von den Zahnoberflächen zurückgeworfen wird. Aus diesen Informationen errechnet die Software die Form. Die Zähne müssen dafür relativ trocken und sauber sein, weshalb vor dem Scan meist kurz getrocknet wird. Der Stift berührt die Zähne nur leicht und löst in aller Regel keinen Schmerz aus.

Wie läuft eine digitale Abformung ab?

Aus Sicht der Patientinnen und Patienten ist der Ablauf unkompliziert. Sie liegen oder sitzen bequem, während der Scanstift langsam über Ihre Zähne geführt wird. Auf einem Monitor können Sie dabei zusehen, wie Ihr Gebiss Stück für Stück als farbiges Modell aufgebaut wird.

Der Scan Schritt für Schritt

  • Die Zähne werden kurz gereinigt und getrocknet.
  • Der Scanstift erfasst den Oberkiefer, dann den Unterkiefer.
  • Zum Schluss wird die Bisssituation aufgenommen, indem Sie zusammenbeißen.
  • Die Behandlerin prüft das Modell sofort am Bildschirm auf Vollständigkeit.

Zeigt sich eine Stelle unvollständig, lässt sich dieser Teilbereich einfach nachscannen. Ein kompletter neuer Durchgang wie beim klassischen Abdruck ist dafür nicht nötig.

Wie lange dauert der Scan?

Ein Scan ist je nach Umfang meist in etwa einer bis drei Minuten abgeschlossen. Entscheidend ist dabei, wie viele Zähne erfasst werden sollen. Für eine einzelne Krone genügt ein kleiner Ausschnitt, für eine kieferorthopädische Planung wird der gesamte Kiefer aufgenommen.

Teilen Sie Ihrer Behandlerin vor dem Scan mit, wenn Sie zu starkem Würgereiz neigen. Die digitale Abformung lässt sich dann besonders ruhig und in Abschnitten durchführen.

Die Vorteile für Patientinnen und Patienten

Der größte spürbare Unterschied betrifft den Komfort. Ohne Abformmasse und ohne vollen Löffel fällt der Auslöser für den Würgereiz weg. Das macht die Situation für viele Menschen deutlich angenehmer, besonders für Kinder und für Personen mit einem empfindlichen Rachen.

Schluss mit Würgereiz und Abdruckmasse

Die berührungsarme Erfassung empfinden viele als wesentlich erträglicher. Es gibt keinen unangenehmen Geschmack, kein Aushärten und keine Minuten, in denen man kaum schlucken kann. Der Scanstift wird lediglich entlang der Zähne geführt.

Sofort sichtbar und besprechbar

Ein weiterer Vorteil liegt in der sofortigen Visualisierung. Das Modell erscheint unmittelbar auf dem Bildschirm, sodass Ihre Zahnärztin Ihnen Befunde direkt zeigen und erklären kann. Sie sehen Ihre eigene Situation mit eigenen Augen, was das gemeinsame Besprechen der Behandlung erleichtert. Oft lassen sich dadurch auch Termine einsparen, weil der Datensatz ohne Umwege weiterverarbeitet wird.

Wie genau ist der digitale Zahnabdruck?

Eine berechtigte Frage lautet, ob ein Scan so präzise ist wie der bewährte Abdruck. Die wissenschaftliche Einordnung fällt dazu klar aus.

Studienlage zur Präzision

Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse kommt zu dem Ergebnis, dass die Genauigkeit des Intraoralscans mit der konventionellen Abformung vergleichbar ist, wobei die Studien untereinander deutlich heterogen sind. Auch die S2k-Leitlinie zum Intraoralscan bewertet das Verfahren in vielen Anwendungsgebieten als vergleichbare, teils vorteilhafte Alternative. Besonders bei Einzelzähnen und kleineren Versorgungen liefert der Scan sehr verlässliche Ergebnisse.

Wo es noch Herausforderungen gibt

Grenzen zeigen sich vor allem beim vollständigen Ganzkiefer und beim zahnlosen Kiefer. Je größer der zu erfassende Bereich, desto mehr Einzelaufnahmen muss die Software zusammenfügen, wodurch sich kleine Abweichungen summieren können. In diesen Situationen wägt die Behandlerin ab, welches Verfahren im Einzelfall geeigneter ist.

Die Genauigkeit eines Scans ist kein fester Wert, sondern hängt vom Anwendungsfall ab. Für eine einzelne Krone gelten andere Maßstäbe als für einen zahnlosen Kiefer.

Ein unterer Zahnbogen als dreidimensionales Modell, der die digitale Erfassung der Zahnreihe darstellt.

Anwendungsgebiete in der Zahnmedizin

Laut Leitlinie betreffen die Anwendungsfelder alle zahnmedizinischen Disziplinen. Der Scanner ist damit kein Werkzeug für einen einzigen Zweck, sondern eine Grundlage für viele Behandlungen.

Zahnersatz: Kronen, Brücken, Inlays

In der Prothetik liefert der Scan die Daten für die Fertigung von Zahnersatz. Aus dem digitalen Modell entstehen passgenaue Kronen, Brücken oder Inlays. Wie eine solche Versorgung im Detail aussieht, beschreiben wir im Ratgeber zu Zahnkronen aus Keramik.

Kieferorthopädie und Aligner

In der Kieferorthopädie bildet der Scan die Basis für die Planung von Zahnbewegungen und die Herstellung durchsichtiger Schienen. Mehr dazu lesen Sie im Beitrag über Clear Aligner, unsichtbare Zahnspangen für jedes Alter.

Implantologie

Bei Implantaten unterstützt der digitale Datensatz die Planung der Position und die Anfertigung passender Versorgungen. Der Scan lässt sich mit weiteren Bilddaten kombinieren, um den Eingriff vorzubereiten.

Ästhetische Zahnmedizin

Auch bei ästhetischen Fragestellungen hilft das Modell. Veränderungen lassen sich am digitalen Abbild planen und veranschaulichen, bevor eine Behandlung beginnt.

Mehr als nur Abformung: Diagnostik und Monitoring

Die S2k-Leitlinie beschreibt, dass sich der Einsatz zunehmend über die reine Abformung hinaus auf Diagnostik und Monitoring ausweitet. Damit wird der Scanner zu einem Werkzeug mit mehreren Funktionen.

Verlaufskontrolle und Dokumentation

Wiederholte Scans lassen sich übereinanderlegen und vergleichen. So können Fachleute Zahnwanderungen verfolgen und Therapieverläufe objektivieren, ohne dafür erneut Abformungen oder Röntgenaufnahmen zu benötigen. Auch Abnutzungen der Zahnoberfläche lassen sich auf diese Weise über die Zeit dokumentieren.

Kariesfrüherkennung ohne Röntgenstrahlen

Einige Geräte verfügen über eine Nahinfrarot-Technologie (NIRI). Damit lässt sich beginnende Karies sichtbar machen, ohne ionisierende Strahlen einzusetzen. Das bringt laut einem Whitepaper zur NIRI-Technologie besonders in der Kinderzahnheilkunde Vorteile. Die Leitlinie ordnet diese Funktion als unterstützend ein; sie ersetzt die etablierte Diagnostik noch nicht vollständig.

Intraoralscanner vs. konventioneller Abdruck im Vergleich

Die folgende Gegenüberstellung fasst die wichtigsten Unterschiede zusammen.

Kriterium Intraoralscanner (digital) Konventioneller Abdruck
Material im Mund Berührungsarmer Scanstift, keine Masse Abdrucklöffel mit Abformmasse
Komfort Kein Würgereiz, angenehmer Kann Würgereiz oder Unbehagen auslösen
Dauer Meist etwa 1–3 Minuten Wartezeit, bis Material ausgehärtet ist
Ergebnis Sofort als 3D-Modell am Bildschirm Physisches Modell, später im Labor
Genauigkeit Vergleichbar, oft gleichwertig Bewährter Standard
Wiederholung Teilbereiche einfach nachscanbar Bei Fehlern kompletter neuer Abdruck

Kosten und Kostenübernahme

Der Intraoralscanner ist eine Investition der Praxis in die Ausstattung. Für Patientinnen und Patienten ist vor allem die Frage wichtig, ob dadurch zusätzliche Beträge auf der Rechnung entstehen.

Entstehen Patienten Zusatzkosten?

In der Regel ersetzt die digitale Abformung einen Behandlungsschritt, der ohnehin notwendig ist. Dadurch entstehen den Patientinnen und Patienten durch den Scan üblicherweise keine gesonderten Zusatzkosten. Welche Leistungen die gesetzliche Krankenkasse übernimmt und welche Anteile privat getragen werden, hängt von der jeweiligen Behandlung ab. Die Einzelheiten zur Abrechnung bespricht Ihre Praxis individuell mit Ihnen, bevor eine Versorgung beginnt.

Häufige Fragen

Tut ein Intraoralscan weh?

Der Scan erfolgt berührungsarm und löst in aller Regel keinen Schmerz aus; der kleine Scanstift wird lediglich entlang der Zähne geführt. Die für viele unangenehme Abdruckmasse und der Würgereiz entfallen dabei.

Wie lange dauert eine digitale Abformung?

Ein Scan ist meist innerhalb weniger Minuten fertig. Das digitale 3D-Modell kann unmittelbar im Beisein der Patientin oder des Patienten am Bildschirm begutachtet werden.

Ist der digitale Abdruck genauso genau wie der klassische?

Nach aktueller Studienlage ist die Genauigkeit des Intraoralscans mit der konventionellen Abformung vergleichbar. Besonders bei Einzelzähnen und kleineren Versorgungen liefert er sehr gute Ergebnisse, während der zahnlose Ganzkiefer noch eine Herausforderung bleibt.

Kann ein Scanner auch Karies erkennen?

Einige Geräte verfügen über Nahinfrarot-Technologie (NIRI), mit der sich beginnende Karies ohne ionisierende Strahlen sichtbar machen lässt. Laut Leitlinie ist diese Zusatzfunktion unterstützend, ersetzt die etablierte Diagnostik aber noch nicht vollständig.

Entstehen mir durch den Scanner Zusatzkosten?

In der Regel entstehen Patientinnen und Patienten dadurch keine gesonderten Zusatzkosten, da die digitale Abformung einen ohnehin notwendigen Behandlungsschritt ersetzt. Details zur Abrechnung bespricht Ihre Praxis individuell mit Ihnen.

Für welche Behandlungen wird der Scanner eingesetzt?

Die Anwendungsfelder betreffen alle zahnmedizinischen Disziplinen – von Kronen, Brücken und Inlays über Aligner in der Kieferorthopädie bis zur Implantologie und ästhetischen Planung. Zunehmend wird er auch für Dokumentation und Monitoring genutzt.


Wenn bei Ihnen eine Behandlung ansteht, bei der Abdrücke eine Rolle spielen, ist der sinnvolle nächste Schritt ein Gespräch in der Praxis. Dort lässt sich klären, ob eine digitale Abformung für Ihre Situation infrage kommt und wie der Ablauf im Einzelnen aussieht. Vereinbaren Sie dazu gern einen Termin bei Dr. Matthias Willamowski & Kollegen.